Green Day(US)

Green Day: „Wir wollten laut sein“

Von der beeindruckend großen Suite des Hotels Fairmont in San Francisco hat man alles im Blick: Links die Golden Gate Bridge, rechts die Gefängnis-Museumsinsel Alcatraz. Doch unsere beiden Gesprächspartner  Billy Joe Armstrong (44, Gesang, Gitarre) und Tré Cool (43, Schlagzeug) würdigen die Sehenswürdigkeiten keines Blickes. Sie kennen das ja auch schon, da sie hier, beziehungsweise in Oakland, auf der anderen Seite der Brücke, zur Welt kamen und bis heute leben. Lieber sprechen die zwei (Bassist Mike Dirnt, 44 steckt in einem anderen Interview) laut und leidenschaftlich über ihr packendes, insgesamt schon zwölftes, neues Studioalbum „Revolution Radio“. Bewusst haben sich Billie Joe, Mike und Tré auf der neuen Platte vom eigenen Frühwerk inspirieren lassen, Green Day ist ja nicht von ungefähr die Band, die 1994 mit dem Superalbum „Dookie“ den Punkrock überhaupt erst wieder massenkonsensfähig machte. Anstelle großer Rockopern wie „American Idiot“ oder übermäßig ambitionierter Mammutwerke wie das 2012 veröffentlichte Dreifach-Album mit 35 Songs haut das Trio jetzt einfach zwölf Nummern raus, die ohne größere Umwege zum Punkt kommen. Man hat sich sogar ein neues, kleineres Studio gebaut und die neuen Lieder selbst produziert. Und dass Green Day nicht nur rockt, sondern auch viel zu sagen hat, unterstreichen Songs wie die Single „Bang Bang“, eine kritische Auseinandersetzung mit Amokläufern, Waffengesetzen und Selfie-Narzissmus, „Too Dumb To Die“ oder „Outlaws“.

- Hattet ihr einen Plan für „Revolution Radio“?

Billie Joe Armstrong: Wir wollten ein wirklich kraftvolles Statement abgeben. Unser Ziel war es, die Leute daran zu erinnern, was für eine großartige Band wir sind. Wir wollten laut sein. Wir wollten schnell sein. Wir wollten aber auch intim sein. Ich denke, das ist uns gut gelungen.

- Eure Albumtrilogie mit „Un!“, „Dos!“ und „Tré!“ kam 2012. Hattet ihr geplant, vier Jahre lang kein Album zu veröffentlichen?

Tré Cool: Wir hatten geplant, eine schöne, lange Pause zu machen. Das war nötig, manchmal brauchst du etwas Abstand. Billie ging es nicht so gut, Mikes Frau war ernsthaft erkrankt, um diese Dinge mussten wir uns auch kümmern. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatten wir nun den Stecker gezogen, und konnten ganz ohne Tourneen und Aufnahmen in uns gehen. Wir waren eine Weile einfach nur Männer, ich zum Beispiel habe geheiratet und die freie Zeit genossen.

Armstrong: Wir alle sind Heim gegangen und haben unser Leben gelebt. Wir wollten uns sehr bewusst nicht gleich wieder in Arbeit stürzen. Was bei mir übrigens gar nicht geklappt hat (lacht). Ich habe ziemlich schnell ein Album zusammen mit Norah Jones aufgenommen, wir coverten darauf Songs der Everly Brothers.

- Das neue Album hat einen sehr frischen, unverbrauchten Sound. Es klingt ganz und gar nicht wie die zwölfte Platte einer Band von Mittvierzigern, die ihr gesamtes Erwachsenenleben miteinander verbracht haben. Wie habt ihr das hinbekommen?

Cool: Wir haben die Gebrauchsanleitung weggeworfen. Wir hatten die Meinungen und Einflüsse und Ideen von außen komplett weggelassen. Ich hatte nicht einmal einen Techniker für meine Drums im Studio, ich habe das alles selbst gemacht. Ich war nicht mehr mein eigener Drum Tech seit wie „Dookie“ aufnahmen. War geil. Wir haben unseren ganz eigenen Sound gefunden und sind strikt unseren eigenen Ohren gefolgt.

- Gefällt euch der Ausdruck „Back to the Roots“, also „Zurück zu den Wuzeln“, um das neue Album zu beschreiben?

Cool: Die Beschreibung passt. Wir sind unseren Wurzeln zumindest sehr treu, wir ehren sie. Nirgends auf diesem Album bin ich von einem Drum-Computer ersetzt worden, und Gastrapper haben wir auch keine am Start (lacht). Auch keinen DJ!

Armstrong: In uns brodelt seit jeher ein Vulkan. seit unserer Anfangstage vor mehr als 25 Jahren im Punk-Club Gilman Street drüben in Oakland sind wir dieses musikalische Erdbeben, das jederzeit hochkochen kann.

- Warum habt ihr „Revolution Radio“ selbst produziert und nicht wieder mit Top-Leuten wie Rob Cavallo oder Butch Vig?

Armstrong: Wir wollten niemanden dabeihaben. Wir wollten es einfach selbst machen. Ich liebe Rob Cavallo, er hat das verstanden, und in Zukunft werden wir sicher wieder etwas Gemeinsames auf die Beine stellen. Nur: Dieses Mal war es besser so. Nur wir drei in einem Studio, das hatten wir zuletzt 1991 bei „Kerplunk“.

- Wo habt ihr aufgenommen?

Cool: In unserem neuen Studio, das wir vor zwei Jahren gebaut haben. Es ist auch in Oakland, genau wie das alte, und wir haben es Otis genannt. Wir sind also die erste und einzige Band, die jemals dort aufgenommen hat. Und wir werden wohl immer die einzige bleiben.

Armstrong: Wir waren zuvor 15 Jahre in den Jingletown Studios in Oakland, wir brauchten eine Veränderung. Das kleine Otis-Studio hat einen ganz eigenen, wirklich phantastischen Sound, eine eigene Atmosphäre. Wenn Tré loslegte, hörte sich der Raum immer so an, als würde er gleich explodieren.

- Die neuen Songs sind direkter, lauter, direkter, weniger Rockoper-mäßig als zuletzt. Ist „Revolution Radio“ eine bewusste Besinnung auf den Kern von Green Day?

Cool: Für uns ist es das richtige Album zum richtigen Zeitpunkt. Nach der Trilogie 2012 mit gut 40 Songs konnten wir das Rad nicht noch weiter in Richtung Gigantonomie drehen. Auf der anderen Seite haben wir das Gefühl, dass sich viele Leute nach harten Gitarren, nach kernigen, kräftigen Sounds sehnen. Selbst in der Rockmusik liefen lange Zeit die eher luftigen, lockeren, weicheren Songs sehr gut, die Leute haben die Schnauze voll von dieser Fluffigkeit, sie wollen wieder was Härteres hören.

- Das Album klingt eher wie das Werk von 24-Jährigen als von 44-Jährigen. Wie bekommt ihr es hin, so lebendig zu klingen?

Armstrong: Nun ja, ich fühle mich jung. Ich sehe jung aus (lacht). Ich bin jung!

- Ist „Revolution Radio“ ein politisches Album?

Armstrong: Es ist ein thematisches Album. Wir sind ebenso verwirrt wie alle anderen, warum Schwarze ungestraft von der Polizei erschossen werden, warum Donald Trump als Präsident kandidieren kann, warum überall dieses Chaos herrscht. Ich versuche, diesen ganzen Mist irgendwie für mich im Kopf zu sortieren.

- In „Bang Bang“ versetzt du dich in den Kopf eines Amokschützen. Das hört sich beängstigend an.

Armstrong: Das war es auch. Ich lebe in Kalifornien, San Francisco ist eine sehr liberale, weltoffene Metropole, New York, wo ich einen Zweitwohnsitz habe, ebenfalls. Ich stelle mir den Charakter aus „Bang Bang“ aber als jemanden vor, der irgendwo zwischen den Küsten lebt, und dort ist es oft regelrecht gespenstisch. Meine Mutter kommt aus Oklahoma, das ist eine andere Welt. Staaten wie Utah werden praktisch von ultrareligiösen Mormonen regiert, und du hast Texas, wo die Leute so konservativ und fremdenfeindlich sind, dass sie am liebsten ihren eigenen Staat gründen und sich von den USA trennen würden. Das ist alles verrückt, aber es bringt mich als Songschreiber eben auch auf Ideen. Letztendlich merkst du immer noch, dass Amerika mal der Wilde Westen war.

- Ist es richtig, dass du den Titelsong „Revolution Radio“ geschrieben hast, nachdem du in New York bei einer Demonstration mitgelaufen bist?

Armstrong: Ja, wir standen im Stau auf der 8th Avenue, und ich bin einfach ausgestiegen und marschiert. Ich wollte einfach Teil dieses Protestzugs sein, auch das ist Punkrock für mich: Punk bedeutet, dass man das System kritisiert, hinterfragt und versucht, die Menschen aus ihrer Wohlfühlzone zu holen. Punk bedeutet für mich mehr als „Fuck The System“, er ist sehr viel konstruktiver als so ein Slogan.

- Wird Donald Trump in wenigen Monaten eine Fußnote der Geschichte sein?

Armstrong: Will er überhaupt Präsident sein? Alles, was er macht, ist seine Marke zu pushen. Trump dies und Trump jenes. Bald wird er wohl einen Fernsehsender starten, Trump TV. Was immer er tut, ich unterstelle ihm niedere Instinkte und unlautere Motive. Trump ist gierig und nach meiner Ansicht ein schlimmerer Politiker und ein weit scheußlicherer Mensch als George W. Bush.

-  Ihr seid jetzt seit einem Jahr Mitglieder n der „Rock’n’Roll Hall of Fame“. Wird die Band anders wahrgenommen?

Cool: Wir tauchen jetzt neuerdings auf dem Radar von Musikfans auf, die älter sind als wir selbst. Das ist etwas Neues für uns. Bislang spielten wir ja hauptsächlich für ein Publikum in unserem Alter und jünger, wobei aus irgendeinem Grund bei jedem neuen Album verlässlich wieder neue 16-jährige, den Punk liebende, Kids vorne standen. Jetzt aber entdecken uns erstmals auch die Fans des Classic Rock.

Steffen Rüth

 

 

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